Einige Probleme mit "Dabru Emet"

Eine jüdische Stellungnahme zu Christen und Christentum
(The New York Times, Sonntag, 10. September 2000, Y 23)
von Rev. Walter L. Michel, Ph.D.
(Hebräische und Semitische Studien)
Lutheran School of Theology in Chicago
1100 East 55th Street, Chicago, Illinois 60615
21.Oktober 2000
(8. Oktober 2000)
Übersetzt von Rudolf Weckerling
und Annemarie Werner

Der Ausdruck "dabru emet", "Redet Wahrheit" steht Sacharja 8,16. Der Kontext ist Sacharja 8, 14-17.

Denn so spricht JHWH / der Herr der Heerscharen
Wie ich mir vorgenommen, über Euch Unheil zu bringen, 
als mich Eure Väter erzürnten,
                Spricht JHWH / der Herr der Heerscharen, 
und mich's nicht gereuen ließ,
so habe ich wiederum in diesen Tagen mir vorgenommen, 
Jerusalem und dem Hause Juda Gutes  zu tun.
                Fürchtet Euch nicht!
                Dies sind die Dinge, die Ihr tun sollt:
                Redet die Wahrheit untereinander
                Und sprechet heilsames Recht in Euren Toren!
                Sinnet nicht auf Arges widereinander in Eurem Herzen
                und liebet nicht falschen Eid!
                Spricht JHWH / der Herr. (Übers. Zürcher Bibel)

Sacharja ist einer der Propheten in Israel/Judäa zur Zeit der neuen und ungewöhnlichen Umstände zu Beginn der Herrschaft des Perserkönigs Darius I (6. Jahrhundert vor Chr.). Sacharja ist nicht der einzige, der sein Volk anfleht: "Redet die Wahrheit miteinander (wörtlich: jeder mit seinem Freund).

Propheten und viele andere vor ihm und nach ihm haben mit vielen Worten das Volk aufgerufen: "Redet Wahrheit" - trotz vieler Scherze über "was ist Wahrheit?". Es gibt kaum Zweifel, daß wir verpflichtet sind, "Wahrheit" zu reden und zu tun im Verhältnis von Christen und Juden, besonders seit viele Menschen jetzt sehr vertraut sind mit der Shoa / Holocaust und mit den vielen Gründen (einschließlich der christlichen Mitschuld), die zu diesen Schrecken geführt hat. 

Erster Abschnitt

Der erste Abschnitt enthält eine starke und wesentlich zutreffende Aussage. Jeder, der die schreckliche Geschichte der Verachtung von Juden und Judentum in der christlichen Lehre sowie ihrer häßlichen, kriminellen und sündigen Folgen (angefangen im Neuen Testament bis heute) kennt, der wird glücklich sein, daß solch eine Erklärung am Ende des 20. Jahrhunderts möglich ist. 

Es ist die christliche Lehre von der Verachtung der Juden, die das Klima vorbereitete, in dem Inquisition, Pogrome und dann schließlich der Versuch der "Endlösung", Shoa, Holocaust während der Nazizeit möglich wurde. Die Benutzung von Martin Luthers Schrift: "Über die Juden und ihre Lügen" durch die Nazis sollte lutherische Christen in ihren Grundfesten erschüttern. Siehe den klaren und kühnen Aufsatz eines lutherischen Theologen, Franklin Sherman:

"Martin was wrong". Luther’s Schriften über die Juden lasten auf uns bis auf den heutigen Tag trotz ihrer Ablehnung durch lutherische Kirchenvertretungen. (The Lutheran, 20. Oktober, 1982, 11-13). Haben römische Katholiken die Erklärungen im Kanonischen Recht widerlegt? (vgl. z.B. Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden. Chicago; quadrangle Books, 1961, s.5f.)

Der Ausdruck: "Die Christenheit (hat) sich... dramatisch verändert" mag an der Oberfläche wahr erscheinen. Ich habe gelebt und lebe in der Welt der Christenheit, Tag ein und Tag aus. Die christliche Grundlehre bleibt weiterhin überheblich: Juden und Nichtchristen müssen sich zum Christentum bekehren , um gerettet, von Gott angenommen zu werden (Gott wird als Trinität und nicht als JHWH, als Ha-Schem verstanden). Die Kirche sagt weiterhin: Extra ecclesiam non est salus, "außerhalb der Kirche gibt es kein Heil".

Alle freundlichen Schuldbekenntnisse von Christen sind natürlich aufrichtig gemeint, aber sie berühren den Kern der christlichen Lehre nicht. Manche Christen sagen immer noch: "Wir haben die Juden so lieb, daß wir wünschen, sie würden sich bekehren und so dem Schrecken der Trennung von Gott, der Hölle n 'Schuldbekenntnisse' von Christen und christliche Verurteilungen der Schrecken und Mordtaten  nur als "Heuchelei" gelten zu lassen ( - angesichts der ‚Schrecken und Mordtaten’ - begangen von Christen, besonders seit dem vierten Jahrhundert, als das "Christentum" zur Ideologie des Römischen Reiches mit all seiner politischen und militärischen Macht wurde.)"

Solange sich Christen nicht radikal von der Überheblichkeit und Bekehrungspflicht abwenden, und damit die einzig angemessene Basis für das christliche Verhältnis zu Juden und Judentum schaffen, solange haben Christen die Lektion aus der Shoa / Holocaust einfach nicht gelernt.

Juden können sich bei Christen nur dann sicher fühlen, wenn Christen keine politische und militärische Macht besitzen.

Christen stehen vor der Entscheidung: Entweder eine Art von Konstantinischem Christentum fortzuführen  und mitschuldig an der Shoa/Holocaust zu sein oder endlich die Lehren des Jesus von Nazareth anzunehmen und die "Spiritualität" zu leben - von ihm so deutlich vermittelt.

Zweiter Abschnitt

Als Christ bin ich überzeugt, kein Recht zu irgendeiner Aussage zu haben über das, was Juden sich entschließen zu denken und zu glauben. Doch als Mit-Lehrer ist es mir nicht nur gestattet, sondern (unter Umständen) geboten, meine wissenschaftliche Meinung zu äußern. Aus diesem Grund habe ich einige meiner begründeten Meinungen zur ersten These ausgesprochen. 

Es besteht kaum ein Zweifel, daß eine "wohlbedachte Jüdische Antwort" auf Veränderungen bei einigen Christen willkommen und sehr konstruktiv für uns alle und für alle religiösen Gruppen ist. 

Ich begrüße die acht kurzen Thesen zum Thema „Auf welche Weise Juden und Christen miteinander in Beziehung stehen können“ als einen „ersten Schritt“. Unglücklicherweise, meine ich, beschreiben die meisten Thesen aber, wie die Dinge sein sollten, statt zu beschreiben, wie gegenwärtig der Stand der Dinge ist. 

Zur ersten These: "Juden und Christen beten den gleichen Gott an."

Dies mag für die ersten drei Jahrhunderte zutreffen. Im vierten Jahrhundert entwickelten einige christliche Theologen einen Begriff der Gottheit, der als Trinität bezeichnet wurde. (Vgl. z.B. Rubinstein, Richard E. When Jesus became God: The Epic Fight over Christ’s Divinity in the Last Days of Rome. -  Als Jesus zum Gott wurde: Der dramatische Kampf um Christi Gottheit in den letzten Tagen Roms; New York, San Diego, London, Hartcovert Braced Company, 1999. )

Für Juden ist es unmöglich, auch nur zu denken, daß es für ein menschliches Wesen möglich ist, JHWH oder ein Teil von JHWH zu werden. Es ist ebenso unmöglich zu denken, daß JHWH ein menschliches Wesen aus Fleisch und Blut werden könne. Im griechisch-römischen Denken ist es nicht unmöglich für einen Menschen, an der göttlichen Welt teilzuhaben und Gott zu werden. 

Zweifellos wissen Jüdische Gelehrte, daß JHWH Ha-Schem NICHT dasselbe ist wie die Trinität. Selbst das Neue Testament ist nicht vertraut mit dem Verständnis Gottes als Trinität. Welche philosophischen und theologischen Vorstellungen wir auch benutzen wollen, so sind schließlich Ha-Schem und Trinität völlig verschiedene Begriffe der Gottheit. Juden und Christen beten nicht dieselbe Gottheit an - es sei denn, man könne an eine Wandlung JHWH’s in die Trinität glauben. 

Es ist wahr, daß „Abermillionen von Menschen durch das Christentum in eine Beziehung zum Gott Israels getreten sind“. Ich gehöre zu diesen Millionen. Durch das Wirken des Juden Jesus habe ich als Nichtjude jetzt auch Zugang zum Herzen des Ha-Schem durch "die Tür" Jesus (Ohne Beschneidung, ohne Rituale etc. siehe Johannes 10,7f). Die Diskussionen unter Juden (z.B. während des ersten Jahrhunderts zwischen Hillel und Schammai) über die Frage, wie man zur Gemeinschaft mit Gott kommt, ist noch nicht erledigt. Manche Juden erkennen andere Juden nicht einmal als wahre Juden an. Und manche Christen erkennen andere Christen nicht als wahre Christen an. Welch ein despektierliches Spektakel für ehrlich suchende Weltkinder! Warum sollte jemand den Wunsch haben, sich einer unserer Gemeinschaften anzuschließen?

Zur zweiten These: Juden und Christen stützen sich auf die Autorität ein und desselben Buches - die Bibel, (das die Juden 'Tanach' und die Christen das 'Alte Testament' nennen.)"

Terminologie ist sehr wichtig und weist meist schon hin auf Interpretation oder Beziehung zur Person oder zur Sache. Die Feststellung "Juden und Christen stützen sich auf die Autorität ein und desselben Buches" ist bestenfalls sehr irreführend. Wenn Juden, Römisch-Katholische und Protestantische Christen, das Wort "Bibel" gebrauchen, meinen sie unterschiedliche Sammlungen biblischer Bücher. Auch sehen und interpretieren sie diese verschiedenen Sammlungen in einem ganz unterschiedlichen Licht. 

Eine kurze Zusammenfassung der Terminologie mag hilfreich sein:

BIBEL kommt vom griechischen byblos = Papyrus, Buch. Byblos war eine alte phönizische Stadt, aus der Papyros exportiert wurde. Es gibt nur eine Sammlung von Büchern für Juden, aber es gibt eine ganze Anzahl von verschiedenen Sammlungen christlicher Literatur, die "Bibel" genannt werden. Und alle Christen haben natürlich eine Büchersammlung namens "Neues Testament", die natürlich nicht Teil der Jüdischen Bibel ist. Darum - wenn man "Bibel sagt, muß man spezifischer sein. 

TANACH ist das Wort für Thora = Lehre, Nevi'im = Propheten, Ketubim = Schriften. Die Juden benutzen den Terminus Bibel auch statt Tanach. Wenn Juden und Christen den Terminus Bibel benutzen, meinen sie eine verschiedene Sammlung von Literatur und eine völlig unterschiedliche Interpretation der biblischen Bücher.

ALTES TESTAMENT ist der christliche Terminus für dieselbe Literatur in jüdischen und protestantischen Bibeln. Die römisch-katholische Bibel (AT) umfaßt viel mehr Bücher als die protestantische Bibel. Der Terminus "Altes" Testament wird von den Christen benutzt, um festzustellen, diese Literatur sei nur eine "Vorbereitung" auf das "Neue" Testament. Deshalb haben Juden und Christen eine gänzlich verschiedene Sicht derselben Literatur. Wenn Protestanten und Römische Katholiken sich auf das Alte Testament beziehen, meinen sie einen verschiedenen Satz Literatur und haben noch dazu einen unterschiedlichen Zugang zu dieser Literatur.

HEBRÄISCHE BIBEL ist ein Versuch, die besondere religiöse Bedeutung von Tanach und Altem Testament zu beseitigen. Er wird besonders von säkularen Leuten benutzt. Ich meine aber, daß diese Praxis mit protestantischen Gelehrten begann.

Die Problematik ist sehr kompliziert, doch die kurze Zusammenfassung in der zweiten These von Grundlehren im jüdischen Teil der "Bibel" ist gelungen. Christen teilen die meisten dieser Lehren, doch Christen bestehen darauf, daß die Erlösung (für alle Menschen, Juden eingeschlossen) schon geschehen ist und allen zugänglich ist durch Jesus und den „neuen“ Bund, der den „alten“ Bund ersetzt hat – daher die Ausdrücke „Altes Testament“ und „Neues Testament“ ,  „Altes Israel“ und „Neues Israel“.  Dies Ereignis wird von Christen in der Eucharistie, dem Herrenmahl gefeiert.

Die Aufforderung zum Respekt vor verschiedenen Interpretationen ist wichtig und zeigt an, daß derartige Aufforderung  nötig ist, weil Respekt nicht garantiert  und tatsächlich in vielen religiösen Gemeinschaften (jüdischen wie christlichen) nicht gegenwärtig ist.

zur Dritten These: "Christen können den Anspruch des jüdischen Volkes auf das Land Israel respektieren."

Natürlich "können" sie, aber nicht alle tun es. Die Wiedererschaffung des Staates Israel (nach fast 2000 Jahren) wird von vielen Juden und Christen als ein Wunder gefeiert und begrüßt. Doch es gibt auch die häßliche Tatsache, daß manche sogenannte liberale Christen palästinensisch/arabische Ansichten vertreten und Israel gern verschwinden sähen. Ich hörte, wie ein angesehener Professor an einer christlichen Theologenschule kategorisch erklärte: „Ich würde keine Träne vergießen, wenn Israel morgen verschwinden würde." Dieser Mensch glaubt nicht an das Existenzrecht Israels. Dies ist keine isolierte Ansicht unter bestimmten Christen. Auch meinen nicht wenige, daß Israel wegen seiner Behandlung der Palästinenser jedes Recht auf das Land verloren hat und weiterhin verliert. (Oft wird Leviticus 18, 24-30 zitiert.)

Die Debatte über das "Existenzrecht Israels" ist Hinweis genug, daß die Existenz des Staates Israel nicht gesichert ist. Der schrille Ruf nach der Zerstörung Israels, von mancher Seite, ist kein Scherz, sondern tief eingebettet in die "Spiritualität" einer ganzen Reihe mächtiger und zahlreicher Leute. Manche Palästinenser halten sich für sehr gütig, angesichts ihrer Bereitschaft, auf nur 20% ihres Landes zu leben.  

Sogar einige jüdische Gruppen betrachten die Existenz des Staates Israel als problematisch und verfrüht, weil der Messias, der Gesalbte (des HERRN) bis jetzt noch nicht erschienen ist. "Evangelikale" und "fundamentalistische" christliche Gruppen begrüßen die Wiedererschaffung des Staates Israel, doch nur als Zeichen der bevorstehenden "Wiederkunft Jesu und des Weltendes". Die Wiedererschaffung des Staates Israel wird völlig unterschiedlich von jüdischen und christlichen Gruppen interpretiert.

Daß "die jüdische Tradition gegenüber allen Nichtjuden, die in einem jüdischen Staat leben, Gerechtigkeit gebietet", ist natürlich wahr, aber auch ein ernsthafter Streitpunkt, weil viele nicht anerkennen, daß solche Gerechtigkeit in Israel tatsächlich ausgeübt wird.

Zur Vierten These : "Juden und Christen anerkennen die moralischen Prinzipien der Thora".

Das ist ausgezeichnet. Doch ich fühle mich schrecklich unwohl dabei, weil ich damit noch einige Probleme habe. Juden verstehen, was sie meinen, wenn sie von "Thora" sprechen: Die meisten Christen kennen das Wort 'Thora' nicht, geschweige denn deren Inhalt.

Das Wort 'Thora' wird üblicherweise als "Gesetz" verstanden. Dies hängt mit dem Apostel Paulus zusammen, der in der damaligen griechischen Gesellschaft 'Thora' mit 'nomos' = Gesetz übersetzt hat. Gesetz aber hieß für Christen in der Schule des Paulus, des Kirchenvaters Augustinus und nach der Machtübernahme unter Kaiser Konstantin etwas völlig Negatives und Legalistisches. Das hebräische Wort 'Thora' hätte nie mit dem Wort 'Gesetz' oder 'gesetzlich' übersetzt werden dürfen.

Wegen eines total verschiedenen Verständnisses von "Sünde" bei Paulus im Neuen Testament (als einer übermächtigen, dämonischen Macht, die unwiderstehlich ist), wird "Gesetz" bei paulinisch-augustinisch-konstantinischen Christen als etwas völlig Negatives und Legalistisches verstanden. Juden verstehen 'Thora'/ Gesetz als 'Anleitung/Lehre' und als 'Offenbarung' von Gott her. Den meisten Christen fehlt ein solches Verständnis. Auch der Ausdruck "nach dem Bilde Gottes" wird gewöhnlich nicht richtig verstanden.

Ich bin völlig mit dem Sinn der vierten These einverstanden. Meine Kommentare, denke ich, unterstreichen und verstärken nur, was hier so gut ausgedrückt ist. Besonders stimme ich überein mit der Notwendigkeit, in Wort und Tat von der gemeinsamen ethischen Betonung Zeugnis abzulegen, die Juden und Christen als ihre religiöse Pflicht und Verpflichtung anerkennen. Doch kommen Juden und Christen zu diesem „moralischen Schwerpunkt, den wir teilen,“ aus total unterschiedlichen Perspektiven.

Es darf unter uns keinen Zweifel geben: "Nach dem beispiellosen Schrecken des vergangenen Jahrhunderts“ ist „ein solches Zeugnis dringend nötig“. Diese Schrecken sind wohlbekannt bei den meisten Juden. Sie sind nicht so bekannt bei Christen. Fast gänzlich unbekannt unter den Christen ist die Tatsache, daß die direkte Lehre der Verachtung von Juden und Judentum ein Klima vorbereitete, in dem solche Schrecken ermöglicht wurden. Solche Unwissenheit darf und kann nach 1945 nicht entschuldigt werden. Doch wenige Seminare (die christliche Pfarrer ausbilden) veranstalten Studiengänge, die solche Unwissenheit aufheben und beseitigen könnten. Nach der Shoa/Holocaust kann dies nicht mehr entschuldigt werden. Ich begreife die Vermeidung einschlägiger Studien als eine beabsichtigte anti-jüdische Haltung. Aus derselben anti-jüdischen Quelle kommt meiner Meinung nach auch der Mangel an grundlegenden Studien des biblischen Hebräisch in christlich-theologischen Ausbildungsstätten.

Zur Fünften These: „Der Nazismus war kein christliches Phänomen.“  

Dies ist eine außerordentlich bedeutende und intellektuell wie spirituell großartige Erklärung. Als Protestant und lutherischer Christ aus Wien, Österreich, bin ich erstaunt über die Großartigkeit dieser Erklärung. Doch andererseits weiß ich, daß viele Christen sich völlig über die Wahrheit im Unklaren sind, die in dieser These ausgedrückt ist. Die meisten Christen wissen es nicht: "Ohne die lange Geschichte des christlichen Antijudaismus und christlicher Gewalt gegen Juden hätte die nationalsozialistische Ideologie  keinen Bestand finden  und nicht verwirklicht werden können". Tatsächlich habe ich barsche antijüdische Kommentare von Christen nach dem Besuch des Holocaust-Museums in Washington gehört und angesichts des Lutherbildes dort und beim Lesen der Kommentare über ihn. ("Wie können sie es wagen, unseren Helden schlecht zu machen?")

Ich habe über diesen häßlichen und giftigen Aspekt der "christlichen" Lehre gesprochen als Pastor (seit den sechziger Jahren) und, besonders als Professor an einem Seminar (wo ich Hebräisch und Tanach/Altes Testament seit 1972) lehre. Ich muß sehr beschämt gestehen, daß ich dies in relativer Sicherheit bei mündlichen Darbietungen in meinen Funktionen als Pastor und Professor getan habe. Es sollte niemanden überraschen, daß Personen, die diese Dinge beim Namen nennen, in manchen christlichen Gemeinschaften nicht sehr willkommen sind. Ich hatte Angst, meine Ansichten zu veröffentlichen. 

Es gibt zahlreiche Bücher, die Christen aufklären könnten und zwar besonders ihre leitenden Leute. Doch diese Bücher werden nur von wenigen besorgten Christen gelesen. 

Meiner Ansicht nach gehören die folgenden zu den bedeutendsten Büchern. Ich habe diese Bücher den Besuchern meiner Vorträge, Vorlesungen und Kurse empfohlen, und wenn ich die Macht dazu hätte, würde ich alle Theologiestudenten zwingen, sie zu lesen und zu studieren, ehe sie zur Ordination und zum Dienst in der Gemeinde zugelassen werden.

Ich führe die Bücher nach dem Datum ihrer Veröffentlichung auf. 
(Nachstehender Abschnitt muß für die Übersetzung neu gefasst werden!)

1948        Isaak, Jules, Jesus und Israel..... Eine nüchterne Darstellung, nur drei Jahre nach 1945, und fast völlig von Christen übersehen. 

1961            Hilberg, Raul, The Destruction of the European Jews... Ich hätte gern, daß wenigstens alle Christen Tafel 1 auf Seite 5-6 gelesen hätten, die christliche und nazistische antijüdische Maßnahmen nebeneinander stellt.  Wie kann man weiterhin ein Christ und ein fröhlicher Mensch bleiben, nachdem man die Informationen in diesem Buch in sich aufgenommen hat?

1962            Isaac, Jules, The Teaching of Contempt: Christian Roots of Antisemitism...
Der Inhalt dieses Buches sollte allen Christen  bekannt sein, ist es aber nicht.

1965            Flannery, Edward H., The Anguish of the Jews: Twenty-Three Centuries of Antisemitism...
Dies Buch brachte schließlich alle verschiedenartige Informationen für mich zusammen und erschütterte mich  in den Grundlagen meines christlichen Glaubens. Wie kann man ein

1974 Radford,Ruether, Rosemary, Faith and Fraticide: The Theological Roots of Anti-Semitism....
Warum wird dieses Buch noch immer nicht von jedem Christen gelesen oder wenigstens von jedem angehenden Pastor oder Priester in einer christlichen Gemeinde?

1992        Carmichael, Joel, The Satanizing of the Jews: Origin and Development of Mythical Anti-Semitism......
Christen sind es, die für die Verteufelung der Juden verantwortlich waren und auf diese Weise das Klima vorbereiteten, in dem Pogrome und dann die Ausrottung (und nicht bloß der Mord) der Juden durch die Nazis möglich wurde.

1993            Nicholls, William, Christian Antisemitism: History of Hate...
Was für eine beschämende und Ekel erregende Geschichte, fast völlig unbekannt unter Christen. Wenn ich gezwungen wäre, nur ein Buch (als Einführung in die Thematik) zu lesen, so wäre es dies Buch.

1994             

Anmerkung: Ich habe eine ausgedehnte Bibliographie über das Thema zusammengestellt und auch einen Reader (zusammengetragenes Material) erstellt, dem ich den Titel gab: "Wie die Christenheit die Shoa/Holocaust überleben kann". Ich benutze diese Materialien in meinen Darstellungen des Themas. 

Die Folgen der christlichen Lehre von der Verachtung der Juden und des Judentums (siehe Jules Isaac) sind jetzt manchen interessierten Christen bekannt: Vertreibungen, gewaltsame Bekehrungen, Pogrome und dann schließlich die Shoa/Holocaust. Nach meiner Meinung ist die Christenheit, wie sie sich in den verschiedenen Formen seit dem 4. Jahrhundert manifestiert hat, in den Feuern von Auschwitz gestorben und hat jeden Respekt verspielt. Wenn Christen nach 1945 weiter die Verachtung von Juden lehren, ist dies eine Sünde gegen Gott, und Christen werden mitschuldig an dem Versuch  der völligen Vernichtung von Juden und Judentum durch die Nazis, an der Shoa/Holocaust. Für menschliche Wesen, besonders für Juden, ist die Shoa/Holocaust ein unsäglicher Horror, aber für die Christenheit ist es das Ende..... außer, wenn sie sich radikal verändert. 

Es gibt noch ein Buch, das ich erwähnen möchte: Benzion Netanyahu, The Origins of the Inquisition in fifteenth Cantury Spain.... 1995 p. 1384...

Rasse, ich dachte immer, das sei eine Mixtur des 19. Jahrhunderts. Falsch. In dem Abschnitt: "Der Aufstieg des Rassismus" (p. 975 - 1004) erfuhr ich von der Theorie und Strategie der limpieza de sangre, "Reinheit des Blutes" im Spanien des 15. Jahrhunderts. Juden, die Jesus ablehnten, waren nach einiger Leute Ansicht nicht nur "Schlangen", sondern "verfluchter Samen", "Söhne des Teufels" (vgl. Joh. 8, 44), "eine perverse Generation", gegenüber Christen eine klar minderwertige menschliche Spezies, moralisch wie intellektuell. Kein Wunder also, dass der päpstliche Nuntius 1944 (!) gesagt haben soll: "Es gibt kein unschuldiges Blut jüdischer Kinder in der Welt". Alles jüdische Blut ist schuldig. Ihr müßt sterben. Das ist die Bestrafung, die euch erwartet hat wegen dieser Sünde (Deicide - Gottesmord)." (Zitiert in E. Fleischner, Auschwitz... 1974 n.7, p.441f.).

Ich lade alle Unterzeichner von "Redet Wahrheit" ein, christliche Gottesdienste während der Woche vor Ostern und am Ostersonntag zu besuchen. Viele Predigten werden Sätze wie diesen enthalten: "Die Juden töteten Jesus, ihren eigenen Messias.... Sie töteten Gott.... sie nahmen das Licht nicht an, das ihnen angeboten wurde" (Vgl. Joh. 1)etc.

Zur Sechsten These:  Der nach menschlichem Ermessen unüberwindbare Unterschied zwischen Juden und Christen wird nicht eher ausgeräumt werden, bis Gott die gesamte Welt erlösen wird, wie es die Schrift prophezeit“.

Das jüdische Volk hat immer die Wahrheit dieses Satzes gekannt, während es bei Christen nicht der Fall war. Viele Christen sind (zu ihrem eigenen Schaden) nicht damit einverstanden, wenn es heißt: "Weder Jude noch Christ sollten dazu genötigt werden, die Lehre der jeweils anderen Gemeinschaft anzunehmen."

"Gelöst" haben Juden das Problem der Besitzergreifung  mit der Entwicklung der "Noachitischen Gebote" in der rabbinischen Tradition (siehe z.B. Eno.Jud.12 [1972] 1189-1191). Die moralischen Mindestverpflichtungen, deren Einhaltung von allen Menschen erwartet wird (Die sieben Noachitischen Gebote nach der Tradition), sind das Verbot des Götzendienstes, der Gotteslästerung, des Blutvergießens, sexueller Verfehlungen, des Diebstahls und des Verzehrs lebender Tiere sowie der verbindlichen Einführung eines Rechtssystems. Die Noachitische Tradition wird in der Tosefta (2. Jahrhundert nach der Zeitrechnung) erwähnt. Ein Aufruf zu dieser Tradition mag  nicht ganz befriedigen, wenn vom Verhältnis zu Christen die Rede ist; doch es ist gewiß der exklusiven besitzergreifenden Lehre vorzuziehen (Vgl. Michael S. Kogan, "Toward a Jewish Theology of >Christianity<" Journal of Ecummenical Studies 32,1, Winter 1995...).

Islam und Christentum haben das Problem der Besitzergreifung nicht "gelöst" mit gefährlichen und oft tödlichen Folgen für ihre eigenen religiösen Traditionen und für ihre Nachbarn oder Untergebenen, wenn sie politische und militärische Macht besitzen.

Christen sind überzeugt - und selbst nach 1945 weiterhin überzeugt -,  daß sie andere Religionen übertreffen und daß sie einen Auftrag haben, der am Ende des Matthäus- und des Markus-Evangeliums ausgesprochen ist.

Matthäus 28,18-20:

Und Jesus trat hinzu, sprach mit ihnen und sagte: „Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet alle Völker zu Jüngern, indem ihr sie taufet  auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes , indem ihr sie alles halten lehrt, was ich Euch befohlen habe! Und siehe ich bin bei Euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“