Einige Probleme mit "Dabru Emet"
Eine jüdische
Stellungnahme zu Christen und Christentum
(The New York Times, Sonntag, 10. September 2000, Y 23)
von Rev. Walter L. Michel, Ph.D.
(Hebräische und Semitische Studien)
Lutheran School of
Theology in Chicago
1100 East 55th Street, Chicago, Illinois 60615
21.Oktober 2000
(8. Oktober 2000)
Übersetzt von Rudolf Weckerling
und Annemarie Werner
Der Ausdruck "dabru emet", "Redet
Wahrheit" steht Sacharja 8,16. Der Kontext ist Sacharja 8, 14-17.
Denn so spricht JHWH / der Herr der Heerscharen
Wie ich mir vorgenommen, über Euch Unheil zu bringen,
als mich Eure Väter erzürnten,
Spricht JHWH / der Herr
der Heerscharen,
und mich's nicht gereuen ließ,
so habe ich wiederum in diesen Tagen mir vorgenommen,
Jerusalem und dem Hause Juda Gutes zu
tun.
Fürchtet Euch nicht!
Dies sind die Dinge, die
Ihr tun sollt:
Redet die Wahrheit
untereinander
Und sprechet heilsames
Recht in Euren Toren!
Sinnet nicht auf Arges
widereinander in Eurem Herzen
und liebet nicht falschen
Eid!
Spricht JHWH / der Herr.
(Übers. Zürcher Bibel)
Sacharja ist einer der Propheten in Israel/Judäa zur Zeit der neuen und
ungewöhnlichen Umstände zu Beginn der Herrschaft des Perserkönigs Darius I (6.
Jahrhundert vor Chr.). Sacharja ist nicht der einzige, der sein Volk anfleht:
"Redet die Wahrheit miteinander (wörtlich: jeder mit seinem Freund).
Propheten und viele andere vor ihm und nach ihm haben mit vielen Worten das
Volk aufgerufen: "Redet Wahrheit" - trotz vieler Scherze über
"was ist Wahrheit?". Es gibt kaum Zweifel, daß wir verpflichtet sind,
"Wahrheit" zu reden und zu tun im Verhältnis von Christen und Juden,
besonders seit viele Menschen jetzt sehr vertraut sind mit der Shoa / Holocaust
und mit den vielen Gründen (einschließlich der christlichen Mitschuld), die zu
diesen Schrecken geführt hat.
Erster Abschnitt
Der erste Abschnitt enthält eine starke und wesentlich zutreffende Aussage.
Jeder, der die schreckliche Geschichte der Verachtung von Juden und Judentum in
der christlichen Lehre sowie ihrer häßlichen, kriminellen und sündigen Folgen
(angefangen im Neuen Testament bis heute) kennt, der wird glücklich sein, daß
solch eine Erklärung am Ende des 20. Jahrhunderts möglich ist.
Es ist die christliche Lehre von der Verachtung der Juden, die das Klima
vorbereitete, in dem Inquisition, Pogrome und dann schließlich der Versuch der
"Endlösung", Shoa, Holocaust während der Nazizeit möglich wurde. Die
Benutzung von Martin Luthers Schrift: "Über die Juden und ihre Lügen"
durch die Nazis sollte lutherische Christen in ihren Grundfesten erschüttern.
Siehe den klaren und kühnen Aufsatz eines lutherischen Theologen, Franklin
Sherman:
"Martin was wrong". Luther’s Schriften über die Juden lasten
auf uns bis auf den heutigen Tag trotz ihrer Ablehnung durch lutherische
Kirchenvertretungen. (The Lutheran,
20. Oktober, 1982, 11-13). Haben römische Katholiken die Erklärungen im
Kanonischen Recht widerlegt?
(vgl. z.B. Raul Hilberg, Die Vernichtung der
europäischen Juden. Chicago; quadrangle Books, 1961, s.5f.)
Der Ausdruck: "Die Christenheit (hat) sich... dramatisch
verändert" mag an der Oberfläche wahr erscheinen. Ich habe gelebt und lebe
in der Welt der Christenheit, Tag ein und Tag aus. Die christliche Grundlehre
bleibt weiterhin überheblich: Juden und Nichtchristen müssen sich zum Christentum bekehren , um
gerettet, von Gott angenommen zu werden (Gott wird als Trinität und nicht als
JHWH, als Ha-Schem verstanden). Die Kirche sagt weiterhin: Extra ecclesiam non
est salus, "außerhalb der Kirche gibt es kein Heil".
Alle freundlichen Schuldbekenntnisse von Christen sind natürlich aufrichtig
gemeint, aber sie berühren den Kern der christlichen Lehre nicht. Manche
Christen sagen immer noch: "Wir haben die Juden so lieb, daß wir wünschen,
sie würden sich bekehren und so dem Schrecken der Trennung von Gott, der Hölle
n 'Schuldbekenntnisse' von Christen und christliche Verurteilungen der
Schrecken und Mordtaten nur als
"Heuchelei" gelten zu lassen ( - angesichts der ‚Schrecken und
Mordtaten’ - begangen von Christen, besonders seit dem vierten Jahrhundert, als
das "Christentum" zur Ideologie des Römischen Reiches mit all seiner
politischen und militärischen Macht wurde.)"
Solange sich Christen nicht
radikal von der Überheblichkeit und Bekehrungspflicht abwenden, und damit die
einzig angemessene Basis für das christliche Verhältnis zu Juden und Judentum
schaffen, solange haben Christen die Lektion aus der Shoa / Holocaust einfach
nicht gelernt.
Juden können sich bei Christen nur dann sicher fühlen,
wenn Christen keine politische und militärische Macht besitzen.
Christen stehen vor der Entscheidung: Entweder eine Art von
Konstantinischem Christentum fortzuführen
und mitschuldig an der Shoa/Holocaust zu sein oder endlich die Lehren
des Jesus von Nazareth anzunehmen und die "Spiritualität" zu leben -
von ihm so deutlich vermittelt.
Zweiter Abschnitt
Als Christ bin ich überzeugt, kein Recht zu irgendeiner Aussage zu haben
über das, was Juden sich entschließen zu denken und zu glauben. Doch als
Mit-Lehrer ist es mir nicht nur gestattet, sondern (unter Umständen) geboten,
meine wissenschaftliche Meinung zu äußern. Aus diesem Grund habe ich einige
meiner begründeten Meinungen zur ersten These ausgesprochen.
Es besteht kaum ein Zweifel, daß eine "wohlbedachte Jüdische
Antwort" auf Veränderungen bei einigen Christen willkommen und sehr
konstruktiv für uns alle und für alle religiösen Gruppen ist.
Ich begrüße die acht kurzen Thesen zum Thema „Auf welche Weise Juden und
Christen miteinander in Beziehung stehen können“ als einen „ersten Schritt“.
Unglücklicherweise, meine ich, beschreiben die meisten Thesen aber, wie die
Dinge sein sollten, statt zu beschreiben, wie gegenwärtig der Stand der Dinge
ist.
Zur ersten
These: "Juden
und Christen beten den gleichen Gott an."
Dies mag für die ersten drei Jahrhunderte zutreffen. Im vierten Jahrhundert
entwickelten einige christliche Theologen einen Begriff der Gottheit, der als
Trinität bezeichnet wurde. (Vgl. z.B. Rubinstein, Richard E. When
Jesus became God: The Epic Fight over Christ’s Divinity in the Last Days of
Rome. - Als Jesus zum Gott
wurde: Der dramatische Kampf um Christi Gottheit in den letzten Tagen Roms; New
York, San Diego, London, Hartcovert Braced Company, 1999. )
Für Juden ist es unmöglich, auch nur zu denken, daß es für ein menschliches
Wesen möglich ist, JHWH oder ein Teil von JHWH zu werden. Es ist ebenso
unmöglich zu denken, daß JHWH ein menschliches Wesen aus Fleisch und Blut
werden könne. Im griechisch-römischen Denken ist es nicht unmöglich für einen
Menschen, an der göttlichen Welt teilzuhaben und Gott zu werden.
Zweifellos wissen Jüdische Gelehrte, daß JHWH Ha-Schem NICHT dasselbe ist
wie die Trinität. Selbst das Neue Testament ist nicht vertraut mit dem
Verständnis Gottes als Trinität. Welche philosophischen und theologischen
Vorstellungen wir auch benutzen wollen, so sind schließlich Ha-Schem und
Trinität völlig verschiedene Begriffe der Gottheit. Juden und Christen beten nicht dieselbe Gottheit an - es sei denn,
man könne an eine Wandlung JHWH’s in die Trinität glauben.
Es ist wahr, daß „Abermillionen von Menschen durch das Christentum in eine
Beziehung zum Gott Israels getreten sind“. Ich gehöre zu diesen Millionen.
Durch das Wirken des Juden Jesus habe ich als Nichtjude jetzt auch Zugang zum
Herzen des Ha-Schem durch "die Tür" Jesus (Ohne Beschneidung, ohne
Rituale etc. siehe Johannes 10,7f). Die Diskussionen unter Juden (z.B. während
des ersten Jahrhunderts zwischen Hillel und Schammai) über die Frage, wie man
zur Gemeinschaft mit Gott kommt, ist noch nicht erledigt. Manche Juden erkennen
andere Juden nicht einmal als wahre Juden an. Und manche Christen erkennen
andere Christen nicht als wahre Christen an. Welch ein despektierliches
Spektakel für ehrlich suchende Weltkinder! Warum sollte jemand den Wunsch
haben, sich einer unserer Gemeinschaften anzuschließen?
Zur zweiten
These: Juden
und Christen stützen sich auf die Autorität ein und desselben Buches - die
Bibel, (das die Juden 'Tanach' und die Christen das 'Alte Testament'
nennen.)"
Terminologie ist sehr wichtig und weist meist schon hin auf Interpretation
oder Beziehung zur Person oder zur Sache. Die Feststellung "Juden und
Christen stützen sich auf die Autorität ein und desselben Buches" ist
bestenfalls sehr irreführend.
Wenn Juden, Römisch-Katholische und Protestantische Christen, das Wort
"Bibel" gebrauchen, meinen sie unterschiedliche Sammlungen biblischer
Bücher. Auch sehen und interpretieren sie diese verschiedenen Sammlungen in
einem ganz unterschiedlichen Licht.
Eine kurze Zusammenfassung der Terminologie mag hilfreich sein:
BIBEL kommt vom griechischen byblos
= Papyrus, Buch. Byblos war eine
alte phönizische Stadt, aus der Papyros exportiert wurde. Es gibt nur eine
Sammlung von Büchern für Juden, aber es gibt eine ganze Anzahl von verschiedenen
Sammlungen christlicher Literatur, die "Bibel" genannt werden. Und
alle Christen haben natürlich eine Büchersammlung namens "Neues
Testament", die natürlich nicht Teil der Jüdischen Bibel ist. Darum - wenn
man "Bibel sagt, muß man spezifischer sein.
TANACH ist das Wort für Thora = Lehre, Nevi'im = Propheten, Ketubim =
Schriften. Die Juden benutzen den Terminus Bibel auch statt Tanach. Wenn Juden
und Christen den Terminus Bibel benutzen, meinen sie eine verschiedene Sammlung
von Literatur und eine völlig unterschiedliche Interpretation der biblischen
Bücher.
ALTES TESTAMENT ist der christliche Terminus für dieselbe
Literatur in jüdischen und protestantischen Bibeln. Die römisch-katholische
Bibel (AT) umfaßt viel mehr Bücher als die protestantische Bibel. Der Terminus
"Altes" Testament wird von den Christen benutzt, um festzustellen,
diese Literatur sei nur eine "Vorbereitung" auf das "Neue"
Testament. Deshalb haben Juden und Christen eine gänzlich verschiedene Sicht
derselben Literatur. Wenn Protestanten und Römische Katholiken sich auf das
Alte Testament beziehen, meinen sie einen verschiedenen Satz Literatur und
haben noch dazu einen unterschiedlichen Zugang zu dieser Literatur.
HEBRÄISCHE BIBEL ist ein Versuch, die besondere religiöse Bedeutung von
Tanach und Altem Testament zu beseitigen. Er wird besonders von säkularen
Leuten benutzt. Ich meine aber, daß diese Praxis mit protestantischen Gelehrten
begann.
Die Problematik ist sehr kompliziert, doch die kurze Zusammenfassung in der
zweiten These von Grundlehren im jüdischen Teil der "Bibel" ist
gelungen. Christen teilen die meisten dieser Lehren, doch Christen bestehen
darauf, daß die Erlösung (für alle Menschen, Juden eingeschlossen) schon geschehen
ist und allen zugänglich ist durch Jesus und den „neuen“ Bund, der den „alten“
Bund ersetzt hat – daher die
Ausdrücke „Altes Testament“ und „Neues Testament“ , „Altes Israel“ und „Neues Israel“. Dies Ereignis wird von Christen in der Eucharistie, dem
Herrenmahl gefeiert.
Die Aufforderung zum Respekt vor verschiedenen Interpretationen ist wichtig
und zeigt an, daß derartige Aufforderung
nötig ist, weil Respekt nicht garantiert und tatsächlich in vielen religiösen
Gemeinschaften (jüdischen wie christlichen) nicht gegenwärtig ist.
zur Dritten
These: "Christen können den Anspruch des
jüdischen Volkes auf das Land Israel respektieren."
Natürlich "können" sie,
aber nicht alle tun es. Die Wiedererschaffung des Staates Israel (nach fast
2000 Jahren) wird von vielen Juden und Christen als ein Wunder gefeiert und
begrüßt. Doch es gibt auch die häßliche Tatsache, daß manche sogenannte
liberale Christen palästinensisch/arabische Ansichten vertreten und Israel gern
verschwinden sähen. Ich hörte, wie ein angesehener Professor an einer
christlichen Theologenschule kategorisch erklärte: „Ich würde keine Träne
vergießen, wenn Israel morgen verschwinden würde." Dieser Mensch glaubt
nicht an das Existenzrecht Israels. Dies ist keine isolierte Ansicht unter bestimmten
Christen. Auch meinen nicht wenige, daß Israel wegen seiner Behandlung der
Palästinenser jedes Recht auf das Land verloren hat und weiterhin verliert.
(Oft wird Leviticus 18, 24-30 zitiert.)
Die Debatte über das "Existenzrecht Israels" ist Hinweis genug, daß
die Existenz des Staates Israel nicht gesichert ist. Der schrille Ruf nach der
Zerstörung Israels, von mancher Seite, ist kein Scherz, sondern tief
eingebettet in die "Spiritualität" einer ganzen Reihe mächtiger und
zahlreicher Leute. Manche Palästinenser halten sich für sehr gütig, angesichts ihrer Bereitschaft,
auf nur 20% ihres Landes zu
leben.
Sogar einige jüdische Gruppen betrachten die Existenz des Staates Israel
als problematisch und verfrüht, weil der Messias, der Gesalbte (des HERRN) bis
jetzt noch nicht erschienen ist. "Evangelikale" und
"fundamentalistische" christliche Gruppen begrüßen die
Wiedererschaffung des Staates Israel, doch nur als Zeichen der bevorstehenden
"Wiederkunft Jesu und des Weltendes". Die Wiedererschaffung des
Staates Israel wird völlig unterschiedlich
von jüdischen und christlichen Gruppen interpretiert.
Daß "die jüdische Tradition gegenüber allen Nichtjuden, die in einem
jüdischen Staat leben, Gerechtigkeit gebietet", ist natürlich wahr, aber
auch ein ernsthafter Streitpunkt, weil viele nicht anerkennen, daß solche
Gerechtigkeit in Israel tatsächlich ausgeübt wird.
Zur Vierten
These : "Juden
und Christen anerkennen die moralischen Prinzipien der Thora".
Das ist ausgezeichnet. Doch ich fühle mich schrecklich
unwohl dabei, weil ich damit noch einige Probleme habe. Juden verstehen, was
sie meinen, wenn sie von "Thora" sprechen: Die meisten Christen
kennen das Wort 'Thora' nicht, geschweige denn deren Inhalt.
Das Wort 'Thora' wird üblicherweise als
"Gesetz" verstanden. Dies hängt mit dem Apostel Paulus zusammen, der
in der damaligen griechischen Gesellschaft 'Thora' mit 'nomos' = Gesetz
übersetzt hat. Gesetz aber hieß für Christen in der Schule des Paulus, des
Kirchenvaters Augustinus und nach der Machtübernahme unter Kaiser Konstantin
etwas völlig Negatives und Legalistisches. Das hebräische Wort 'Thora' hätte
nie mit dem Wort 'Gesetz' oder 'gesetzlich' übersetzt werden dürfen.
Wegen eines total verschiedenen Verständnisses von
"Sünde" bei Paulus im Neuen Testament (als einer übermächtigen,
dämonischen Macht, die unwiderstehlich ist), wird "Gesetz" bei
paulinisch-augustinisch-konstantinischen Christen als etwas völlig Negatives
und Legalistisches verstanden. Juden verstehen 'Thora'/ Gesetz als
'Anleitung/Lehre' und als 'Offenbarung' von Gott her. Den meisten Christen
fehlt ein solches Verständnis. Auch der Ausdruck "nach dem Bilde
Gottes" wird gewöhnlich nicht richtig verstanden.
Ich bin völlig mit dem Sinn der vierten These
einverstanden. Meine Kommentare, denke ich, unterstreichen und verstärken nur,
was hier so gut ausgedrückt ist. Besonders stimme ich überein mit der
Notwendigkeit, in Wort und Tat von der gemeinsamen ethischen Betonung Zeugnis
abzulegen, die Juden und Christen als ihre religiöse Pflicht und Verpflichtung
anerkennen. Doch kommen Juden und Christen zu diesem „moralischen Schwerpunkt,
den wir teilen,“ aus total unterschiedlichen Perspektiven.
Es darf unter uns keinen Zweifel geben: "Nach dem beispiellosen
Schrecken des vergangenen Jahrhunderts“ ist „ein solches Zeugnis dringend
nötig“. Diese Schrecken sind wohlbekannt bei den meisten Juden. Sie sind nicht
so bekannt bei Christen. Fast gänzlich unbekannt unter den Christen ist die
Tatsache, daß die direkte Lehre der Verachtung von Juden und Judentum ein Klima
vorbereitete, in dem solche Schrecken ermöglicht wurden. Solche Unwissenheit
darf und kann nach 1945 nicht entschuldigt werden. Doch wenige Seminare (die
christliche Pfarrer ausbilden) veranstalten Studiengänge, die solche
Unwissenheit aufheben und beseitigen könnten. Nach der Shoa/Holocaust kann dies
nicht mehr entschuldigt werden. Ich begreife die Vermeidung einschlägiger
Studien als eine beabsichtigte anti-jüdische Haltung. Aus derselben
anti-jüdischen Quelle kommt meiner Meinung nach auch der Mangel an grundlegenden
Studien des biblischen Hebräisch in christlich-theologischen
Ausbildungsstätten.
Zur Fünften
These: „Der Nazismus war kein christliches Phänomen.“
Dies ist eine außerordentlich bedeutende und intellektuell wie spirituell
großartige Erklärung. Als Protestant und lutherischer Christ aus Wien,
Österreich, bin ich erstaunt über die Großartigkeit dieser Erklärung. Doch
andererseits weiß ich, daß viele Christen sich völlig über die Wahrheit im
Unklaren sind, die in dieser These ausgedrückt ist. Die meisten Christen wissen
es nicht: "Ohne die lange Geschichte des christlichen Antijudaismus und
christlicher Gewalt gegen Juden hätte die nationalsozialistische Ideologie keinen Bestand finden und nicht verwirklicht werden können".
Tatsächlich habe ich barsche antijüdische Kommentare von Christen nach dem
Besuch des Holocaust-Museums in Washington gehört und angesichts des
Lutherbildes dort und beim Lesen der Kommentare über ihn. ("Wie können sie es wagen, unseren Helden schlecht zu machen?")
Ich habe über diesen häßlichen und giftigen Aspekt der
"christlichen" Lehre gesprochen als Pastor (seit den sechziger
Jahren) und, besonders als Professor an einem Seminar (wo ich Hebräisch und
Tanach/Altes Testament seit 1972) lehre. Ich muß sehr beschämt gestehen, daß ich
dies in relativer Sicherheit bei mündlichen Darbietungen in meinen Funktionen
als Pastor und Professor getan habe. Es sollte niemanden überraschen, daß
Personen, die diese Dinge beim Namen nennen, in manchen christlichen
Gemeinschaften nicht sehr willkommen sind. Ich hatte Angst, meine Ansichten zu
veröffentlichen.
Es gibt zahlreiche Bücher, die Christen aufklären könnten und zwar
besonders ihre leitenden Leute. Doch diese Bücher werden nur von wenigen
besorgten Christen gelesen.
Meiner Ansicht nach gehören die folgenden zu den bedeutendsten Büchern. Ich
habe diese Bücher den Besuchern meiner Vorträge, Vorlesungen und Kurse
empfohlen, und wenn ich die Macht dazu hätte, würde ich alle Theologiestudenten
zwingen, sie zu lesen und zu
studieren, ehe sie zur Ordination
und zum Dienst in der Gemeinde zugelassen werden.
Ich führe die Bücher nach dem
Datum ihrer Veröffentlichung auf.
(Nachstehender Abschnitt muß für die Übersetzung neu gefasst werden!)
1948 Isaak, Jules, Jesus und
Israel..... Eine nüchterne Darstellung, nur drei Jahre nach 1945, und fast
völlig von Christen übersehen.
1961
Hilberg, Raul, The Destruction of the European Jews... Ich hätte gern, daß
wenigstens alle Christen Tafel 1 auf Seite 5-6 gelesen hätten, die christliche
und nazistische antijüdische Maßnahmen nebeneinander stellt. Wie kann man weiterhin ein Christ und ein
fröhlicher Mensch bleiben, nachdem man die Informationen in diesem Buch in sich
aufgenommen hat?
1962
Isaac, Jules, The Teaching of Contempt: Christian Roots of Antisemitism...
Der Inhalt dieses Buches sollte allen Christen
bekannt sein, ist es aber nicht.
1965
Flannery, Edward H., The Anguish of the Jews: Twenty-Three Centuries of
Antisemitism...
Dies Buch brachte schließlich alle verschiedenartige Informationen für mich
zusammen und erschütterte mich in den
Grundlagen meines christlichen Glaubens. Wie kann man ein
1974 Radford,Ruether, Rosemary, Faith and Fraticide: The Theological Roots
of Anti-Semitism....
Warum wird dieses Buch noch immer nicht von jedem Christen gelesen oder wenigstens
von jedem angehenden Pastor oder Priester in einer christlichen Gemeinde?
1992 Carmichael, Joel, The
Satanizing of the Jews: Origin and Development of Mythical Anti-Semitism......
Christen sind es, die
für die Verteufelung der Juden verantwortlich waren und auf diese Weise das
Klima vorbereiteten, in dem Pogrome und dann die Ausrottung (und nicht bloß der
Mord) der Juden durch die Nazis möglich wurde.
1993
Nicholls, William, Christian Antisemitism: History of Hate...
Was für eine beschämende und Ekel erregende Geschichte, fast völlig unbekannt
unter Christen. Wenn ich gezwungen wäre, nur ein Buch (als Einführung in die
Thematik) zu lesen, so wäre es dies Buch.
1994
Anmerkung: Ich habe eine ausgedehnte Bibliographie über das Thema
zusammengestellt und auch einen Reader (zusammengetragenes Material) erstellt,
dem ich den Titel gab: "Wie die Christenheit die Shoa/Holocaust überleben
kann". Ich benutze diese Materialien in meinen Darstellungen des
Themas.
Die Folgen der christlichen Lehre von der Verachtung der Juden und des
Judentums (siehe Jules Isaac) sind jetzt manchen interessierten Christen
bekannt: Vertreibungen, gewaltsame Bekehrungen, Pogrome und dann schließlich
die Shoa/Holocaust. Nach meiner Meinung ist die Christenheit, wie sie sich in
den verschiedenen Formen seit dem 4. Jahrhundert manifestiert hat, in den
Feuern von Auschwitz gestorben und hat jeden Respekt verspielt. Wenn Christen
nach 1945 weiter die Verachtung von Juden lehren, ist dies eine Sünde gegen
Gott, und Christen werden mitschuldig an dem Versuch der völligen Vernichtung von Juden und Judentum durch die Nazis,
an der Shoa/Holocaust. Für menschliche Wesen, besonders für Juden, ist die
Shoa/Holocaust ein unsäglicher Horror, aber für die Christenheit ist es das
Ende..... außer, wenn sie sich radikal verändert.
Es gibt noch ein Buch, das ich erwähnen möchte: Benzion Netanyahu, The Origins of the Inquisition in fifteenth Cantury
Spain.... 1995 p. 1384...
Rasse, ich dachte immer, das sei eine Mixtur des 19. Jahrhunderts. Falsch.
In dem Abschnitt: "Der Aufstieg des Rassismus" (p. 975 - 1004) erfuhr
ich von der Theorie und Strategie der limpieza
de sangre, "Reinheit des Blutes" im Spanien des 15.
Jahrhunderts. Juden, die Jesus ablehnten, waren nach einiger Leute Ansicht
nicht nur "Schlangen", sondern "verfluchter Samen",
"Söhne des Teufels" (vgl. Joh. 8, 44), "eine perverse
Generation", gegenüber Christen eine klar minderwertige menschliche
Spezies, moralisch wie intellektuell. Kein Wunder also, dass der päpstliche Nuntius 1944 (!) gesagt haben
soll: "Es gibt kein unschuldiges Blut jüdischer Kinder in der Welt".
Alles jüdische Blut ist schuldig. Ihr müßt sterben. Das ist die Bestrafung, die
euch erwartet hat wegen dieser Sünde (Deicide - Gottesmord)." (Zitiert in
E. Fleischner, Auschwitz... 1974 n.7, p.441f.).
Ich lade alle Unterzeichner von "Redet Wahrheit" ein, christliche
Gottesdienste während der Woche vor Ostern und am Ostersonntag zu besuchen.
Viele Predigten werden Sätze wie diesen enthalten: "Die Juden töteten
Jesus, ihren eigenen Messias.... Sie töteten Gott.... sie nahmen das Licht
nicht an, das ihnen angeboten wurde" (Vgl. Joh. 1)etc.
Zur Sechsten
These: „Der
nach menschlichem Ermessen unüberwindbare Unterschied zwischen Juden und
Christen wird nicht eher ausgeräumt werden, bis Gott die gesamte Welt erlösen
wird, wie es die Schrift prophezeit“.
Das jüdische Volk hat immer die Wahrheit dieses Satzes gekannt, während es
bei Christen nicht der Fall war. Viele Christen sind (zu ihrem eigenen Schaden)
nicht damit einverstanden, wenn es heißt: "Weder Jude noch Christ sollten
dazu genötigt werden, die Lehre der jeweils anderen Gemeinschaft
anzunehmen."
"Gelöst" haben Juden das Problem der Besitzergreifung mit der Entwicklung der "Noachitischen
Gebote" in der rabbinischen Tradition (siehe z.B. Eno.Jud.12 [1972]
1189-1191). Die moralischen Mindestverpflichtungen, deren Einhaltung von allen
Menschen erwartet wird (Die sieben Noachitischen Gebote nach der Tradition),
sind das Verbot des Götzendienstes, der Gotteslästerung, des Blutvergießens, sexueller
Verfehlungen, des Diebstahls und des Verzehrs lebender Tiere sowie der
verbindlichen Einführung eines Rechtssystems. Die Noachitische Tradition wird
in der Tosefta (2. Jahrhundert nach der Zeitrechnung) erwähnt. Ein Aufruf zu
dieser Tradition mag nicht ganz
befriedigen, wenn vom Verhältnis zu Christen die Rede ist; doch es ist gewiß
der exklusiven besitzergreifenden Lehre vorzuziehen (Vgl. Michael S. Kogan, "Toward a
Jewish Theology of >Christianity<" Journal
of Ecummenical Studies 32,1, Winter 1995...).
Islam und Christentum haben das Problem der Besitzergreifung nicht
"gelöst" mit gefährlichen und oft tödlichen Folgen für ihre eigenen
religiösen Traditionen und für ihre Nachbarn oder Untergebenen, wenn sie
politische und militärische Macht besitzen.
Christen sind überzeugt - und selbst nach 1945 weiterhin überzeugt -, daß sie andere Religionen übertreffen und
daß sie einen Auftrag haben, der am Ende des Matthäus- und des
Markus-Evangeliums ausgesprochen ist.
Matthäus 28,18-20:
Und Jesus trat hinzu, sprach mit ihnen und sagte: „Mir ist alle Vollmacht
gegeben im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet alle Völker zu
Jüngern, indem ihr sie taufet auf den
Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes , indem ihr sie alles
halten lehrt, was ich Euch befohlen habe! Und siehe ich bin bei Euch alle Tage
bis an das Ende der Welt.“